Deutschland erlebt einen neuen Höchststand bei Extremismus, Hass und politischer Gewalt. Nach Recherchen von WELT AM SONNTAG registrierten die Bundesländer 2025 mindestens 85.000 politisch motivierte Straftaten. Damit übertrifft das Land den bisherigen Rekordwert von 84.172 Fällen aus dem Jahr 2024. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl dieser Straftaten mehr als verdoppelt. 15 Bundesländer stellten ihre Daten auf Anfrage von WELT AM SONNTAG zur Verfügung, nur Rheinland-Pfalz fehlt. Dort verzögert sich nach den Landtagswahlen und dem Wechsel des Innenministers die Bereitstellung. Am Gesamtbild ändert das nichts: Die politisch motivierte Kriminalität (PMK) steigt weiter. Ermittler führen die Entwicklung vor allem auf den polarisierten Bundestagswahlkampf 2025 und internationale Krisen wie den Nahost-Konflikt zurück. Auch ein verändertes Anzeigeverhalten dürfte eine Rolle spielen. Hasskommentare im Netz und Beleidigungen von Politikern (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a2024031f46a650bff5e1f3/aeusserung-ueber-kanzler-merz-jetzt-erklaert-die-staatsanwaltschaft-warum-sie-gegen-luegenfritz-aeusserung-vorgeht.html) werden häufiger gemeldet als früher. Rekordzahlen aus mehreren Ländern, etwa aus Hessen, stützen diese Annahme. Wie groß dieser Effekt tatsächlich ist, lässt sich durch die vorliegenden Zahlen nicht beziffern. Hessens Innenminister Roman Poseck warnt vor einer gefährlichen Entwicklung: „Besonders besorgniserregend ist die wachsende Bereitschaft, politische Auseinandersetzungen nicht mehr mit Argumenten, sondern mit Einschüchterung, Hass und Gewalt auszutragen“, sagte der CDU-Politiker WELT AM SONNTAG. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärte: „Die Zahlen sind ein Alarmruf: Politisch motivierte Kriminalität ist längst keine Fußnote mehr, sondern ein Härtetest für unsere Demokratie. Wir erleben mehr Straftaten, mehr Gewalt und so viele Verfassungsfeinde wie noch nie.“ Baden-Württembergs neuer Innenminister Manuel Hagel (CDU) kündigte eine entschlossene staatliche Antwort an: „Wir treten verfassungsfeindlichen Bestrebungen – gleich aus welcher Richtung – mit geballten Kräften entgegen. Die Täter sollten sich nicht zu geschützt fühlen.“ Besonders alarmiert die Sicherheitsbehörden die anhaltend hohe Gewaltbereitschaft. Bundesweit stieg die Zahl politisch motivierter Gewalttaten um 1,2 Prozent von 4107 auf 4156 Delikte. Dazu zählen Straftaten wie Körperverletzung, Brand- und Sprengstoffdelikte sowie Landfriedensbruch. Sie machen zwar nur rund fünf Prozent aller politischen Straftaten aus. „Doch diese Gewalt greift unseren Rechtsstaat an und muss konsequent verfolgt werden“, sagt der innenpolitische Sprecher der SPD, Sebastian Fiedler. Gewalt trifft die AfD Die politische Gewalt trifft im Parteienspektrum derzeit vor allem die AfD. Nach einer Sonderauswertung des Bundesinnenministeriums registrierten die Behörden im vergangenen Jahr 121 Angriffe auf AfD-Funktionäre und Parteimitglieder. Gegen Repräsentanten aller übrigen Parteien zusammen zählten die Ermittler lediglich 62 Gewalttaten. In 103 der 121 Fälle vermuten die Behörden Täter aus dem linksextremen Spektrum. AfD-Innenexperte Martin Hess fordert deshalb eine andere Schwerpunktsetzung im Kampf gegen politischen Extremismus. Die Länderzahlen zeigen allerdings vor allem eines: Rechtsextremisten (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6996cface29e5d6f1421eb1f/jugendliche-rechtsextremisten-wenn-minderjaehrige-sich-zu-anschlaegen-fuer-einen-rassenkrieg-verabreden.html) bleiben der größte Treiber politisch motivierter Kriminalität. Rund die Hälfte aller Straftaten ordnen die Ermittler dem Bereich „PMK-rechts“ zu. Von den mehr als 42.000 Delikten entfällt ein großer Teil auf Propaganda-Straftaten wie Hakenkreuz-Schmierereien oder das Verwenden verbotener Symbole. Gleichzeitig stieg die Zahl rechter Gewalttaten um rund sieben Prozent auf 1598 Fälle. Für die Grünen-Innenexpertin Irene Mihalic bleibt die Lage eindeutig: „Die größte Gefahr für unsere Demokratie geht weiterhin vom Rechtsextremismus aus.“ Unions-Fraktionsvize Günter Krings (CDU) fordert zugleich ein härteres Vorgehen gegen Radikalisierung im Netz. „Wir müssen dort ansetzen, wo immer mehr Leute in immer kürzerer Zeit radikalisiert werden: bei den Social-Media-Plattformen.“ Den stärksten Zuwachs gab es bei linksextremen Straftaten. Ihre Zahl schoss um rund 35 Prozent auf mehr als 13.000 Fälle nach oben. In Bayern und Nordrhein-Westfalen besteht etwa die Hälfte dieser Delikte aus Sachbeschädigungen. Noch deutlicher fällt der Anstieg bei der Gewalt aus: Linksextreme Gewalttaten legten um 42,6 Prozent auf 1087 Fälle zu – stärker als in jedem anderen Phänomenbereich. Hessens Innenminister Poseck warnt deshalb: „Ich sehe mit Sorge, dass Teile des demokratischen Spektrums den Linksextremismus verharmlosen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69e747832b77976b1d6502b6/innenminister-in-der-vergangenheit-hat-zu-wenig-fokus-auf-dem-linksextremismus-gelegen.html) .“ „Wenn Kabel brennen, Züge stehen und der Strom ausfällt, hat das mit Protest nichts mehr zu tun. Das ist kriminell“, so NRW-Innenminister Reul. Dabei werde kein „abstraktes ‚System‘“ getroffen, sondern Menschen. „Für mich ist klar: Linksextreme Täter werden genauso ernst genommen wie alle anderen, die unsere freie Gesellschaft angreifen.“ Wenn Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, die Zahlen am Dienstag vorstellen, wird ein weiterer Trend im Fokus stehen: Internationale Konflikte schlagen immer stärker auf deutsche Straßen durch. Knapp 1900 Fälle ordnen die Ermittler „religiöser Ideologie“ zu, mehr als 6000 Delikte einer „ausländischen Ideologie“. Manche Länder geben detaillierter zur Tatmotivation Auskunft. Besonders häufig spielt demnach der Nahost-Konflikt eine Rolle – in Bayern etwa in 316 von 599 Delikten aus dem Bereich ausländische Ideologie. In Sachsen betraf dies rund die Hälfte aller Fälle. Korrespondent Philipp Woldin (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/philipp-woldin/) kümmert sich bei WELT vor allem um Themen der inneren Sicherheit sowie Migration und berichtet über das Bundesinnenministerium.